09.11.09

Bergedorfer Tafel

Viele Kinder werden zu Hause nicht satt

Bergedorf. Heute schon gefrühstückt? Nicht jedes Kind, das am Mittagstisch sitzt, kann mit dem Kopf nicken. Hungrig kommen sie in den Kindergarten, in die Schule, zum Jugendclub – und freuen sich, wenn dort gekocht wird: Jedes vierte Kind in Bergedorf ist arm. Von Anne K. Strickstrock

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Foto: Anne Strickstrock

Pascal Schmidt und Vanessa Gienk (beide 5) freuen sich über leckere Frikadellen, Gemüse und Kartoffelpüree im Kinder-Restaurant am Kurt-Adams-Platz.

Foto: Anne Strickstrock

Die Fußballer Oliver Leinroth, Deran Toksöz und Jens Seddig (hinten, v.l.) bringen Geld ins Kinder-Restaurant. Alex Frank, Pascal Schmidt, Vanessa Gienk und Lukas Frank (v.l.) freuen sich, wenn's mittags schmeckt.

Foto: Anne Strickstrock

Kistenweise Putenfleisch, Gemüse und Zwiebelmettwurst hat Wilfried Marx von der Bergedorfer Tafel diesmal dabei. Privatleute haben auch Äpfel gespendet. Am Kurt-Adams-Platz freuen sich (v.l.) Esther Lauer (Jugendzentrum), Bärbel Granzow (Spielhaus mit Kinder-Restaurant) und Carina Seker (Mobilo).

Im Bezirk müssen 26,6 Prozent aller Kinder unter sieben Jahren von Sozialleistungen leben, von den Sieben- bis 17-Jährigen sind es 19,8 Prozent.

Die Zahlen alarmieren nicht nur die Sozialpädagogen, sondern auch Klaus Döcke, Vorstand der Bergedorfer Tafel: "Wir machen etwa 3000 Menschen pro Woche satt. Ein Drittel unserer Kunden sind Kinder- und Jugendeinrichtungen, die Zahl ist in den vergangenen Jahren gewaltig gewachsen." Fünf Schulen werden mit gespendeten Lebensmitteln beliefert, vier Spielhäuser, ein Kindergarten, beide Mädchentreffs und weitere neun Jugendeinrichtungen im Bezirk.

In das Jugendzentrum Juzena in Neuallermöhe kommen inzwischen montags und mittwochs jeweils 80 Jugendliche, um Lebensmittel zu ergattern. Im Jugendzentrum am Kurt-Adams-Platz sind es etwa 30: "Die haben Hunger und kriegen zu Hause zu wenig. Manche schwänzen die Schule und müssen sich selbst versorgen. Die gucken immer gleich in unseren Kühlschrank. Und wenn die Jugendlichen mal Geld haben, kaufen sie lieber Cola, Süßes oder Zigaretten", berichtet Sozialpädagogin Esther Lauer.

Wenn montags das Auto der Bergedorfer Tafel am Kurt-Adams-Platz hält, werden die ehrenamtlichen Mitarbeiter richtig belagert: "Können wir bitte noch Bananen haben? Die nehmen wir mit zum Spielplatz", sagt Carina Seker vom Mobilo-Projekt der Awo. Hier werden bis zu 20 Kinder zwischen acht und 14 Jahren versorgt: "Früher stand das Basteln im Mittelpunkt. Jetzt fragen die Kinder zuerst nach dem Essen. Zur Not haben wir auch immer Zwieback oder Cornflakes da", sagt Seker, die oft den Unterschied zwischen Brokkoli und Blumenkohl erklären muss oder dass Pommes aus Kartoffeln gemacht werden.

Die Gründe für hungrige Kinder sind vielfältig: "Die Elternhäuser übernehmen keine Verantwortung, die Kinder werden sich selbst überlassen", meint Döcke, "oder die Eltern sind auf ein bis zwei Billigjobs angewiesen. Da kann unsere Tafel den Haushalt um monatlich 50 bis 100 Euro entlasten." Hinzu kommt, dass die Hemmschwelle sinkt, sich helfen zu lassen, denn: "Arbeitslosigkeit ist ja heutzutage keine Schande mehr", sagt Döcke.

150 ehrenamtliche Helfer und knapp 90 Lieferanten sorgen dafür, dass die Bergedorfer Tafel ihre Arbeit gut machen kann. Doch die Liefer-Kapazitäten sind ausgeschöpft, gerade mussten drei Anfragen aus Reinbek abgelehnt werden.

Fußballer von Bergedorf 85 spenden für Kinder-Restaurant

Freude herrscht indes beim Lohbrügger Kinder-Restaurant: Eine Spende macht es möglich, dass die Kinder weitere satt werden. "Damit können wir unser Kinder-Restaurant drei Monate lang bestreiten." Dankbar nimmt Bärbel Granzow den Scheck über 1500 Euro entgegen – eine sportliche Leistung. Denn das Geld hatten die Fußballer von Bergedorf 85 gesammelt. "Und Fuji Kine Film hat die Summe aufgestockt", sagt Jens Seddig, Geschäftsführer von Fuji und Manager des Fußballklubs.

"Schmeckt das hier immer so gut?" Die Brüder Alex (8) und Lukas (10) Frank nicken und grinsen. Und schauen staunend die Fußball-Stars an: Deran Toksöz (21) wurde gerade zum besten Amateur-Fußballer Hamburgs gewählt, Oliver Leinroth (28) ist Mannschaftsführer bei Bergedorf 85. Der Vater einer vierjährigen Tochter freut sich, das Kinder-Restaurant unterstützen zu können: "Die Kinder können ja nichts für die Situation ihrer Eltern. Ich selbst bin mit vier Geschwistern in einem Luruper Hochhaus groß geworden. Wir hatten zwar nie die besten Klamotten, aber immer genug zu essen."

Im Spielhaus am Kurt-Adams-Platz werden an wöchentlich vier Tagen jeweils 15 bis 18 Teller gefüllt: Zwei Honorarkräfte bekochen die Sechs- bis 14-Jährigen im Kinder-Restaurant. "Manche Schüler können sich das Mittagessen im Gymnasium Lohbrügge nicht leisten. Das kostet da 3,40 Euro. Hier zahlt jedes Kind nur einen Euro, und selbst ohne Geld wird bei uns der Teller voll", sagt Spielhaus-Leiterin Granzow. Sie weiß, dass viele Eltern im Stadtteil wenig Geld haben: "Vaters Lohn reicht eben nicht für vier Kinder." Und oft ist mittags einfach niemand da, der kocht: Viele Kinder müssen bis 18 Uhr warten, bis die Mama von der Arbeit nach Hause kommt.

Pizza und Toast Hawaii stehen bei den Kids besonders gern auf dem Speiseplan. "Aber auch Labskaus haben wir schon ausprobiert", sagt Corinna Schmidt, die nun von dem gespendeten Geld der Fußballer etwas Besonderes kochen will: "Jetzt mache ich mal Rinderrouladen mit Rotkohl, das ist ein Festessen."

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