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Milana hat Heimweh nach „St. Eli“

Oma Hilde kommt ins Heim. Die 68-Jährige ist zwar topfit, sucht aber neben ihrer Rente eine Beschäftigung. Deshalb kehrt sie zurück an den Ort ihrer Kindheit, das St. Elisabeth-Kinderheim im Grasredder, das sich heute Kinder- und Jugendhaus nennt.
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St Elisabeth
Foto: Christine Stanke
Milena Davydova (19, re.) wohnte bis 2009 in „St. Elisabeth“, Hildegard Süllau (68) lebte 1954/55 hier.
Dort lebte die 68-Jährige einst als Teenager und passte als Helferin auf die jüngsten Bewohner des Hauses auf. Auch heute betreut sie dort wieder Kinder, allerdings ehrenamtlich als Ersatz-Oma, die immer bereit für einen Ausflug in den Zoo oder zur Eisdiele ist. Als jüngste von sieben Geschwistern war Hildegard Süllau einst ins „St. Eli“ gekommen, in dessen weiß gestrichenen Fluren noch die „Mutter Oberin“ der Ordensschwestern das Sagen hatte. Die junge Hildegard hatte gerade die Volksschule abgeschlossen und sollte arbeiten. Die Aufsicht über das junge Mädchen waren ebenso wie Kost und Logis gesichert – zur Erleichterung des alleinerziehenden Vaters, der durch die Flucht aus Schlesien alles verloren hatte. Die Familie lebte in einer bescheidenen Zwei-Zimmer-Wohnung, nach der sich die 14-Jährige in St. Elisabeth oft sehnte: „Dann habe ich in einer stillen Ecke in einen Waschlappen geweint.“
Auch Milana Davydova (19) hat manchmal Heimweh. Sie vermisst die Wasserschlachten mit ihren Freunden im Garten, das warme Mittagessen sowie ihr pink und blau gestrichenes Zimmer, kurz: Ihr fehlt das Leben im St. Eli, das fünf Jahre lang ihr Zuhause war. In diesem Winter ist Milena ausgezogen, sie war zu alt für das Leben in St. Elisabeth, macht nun eine Ausbildung zur Friseurin und lebt in einer WG in Winterhude. Der Satz „Ich war im Heim“ geht Milana leicht über die Lippen, fast scheint ein wenig Stolz in ihrer Stimme mitzuschwingen. Dabei wollte sie sofort umkehren, als sie vor vier Jahren zum ersten Mal über die Schwelle des Kinderhauses trat. „Ich dachte, die wollen mich einsperren wie in einen Knast“, erinnert sich die in Kirgisistan geborene junge Frau. Doch die Situation in ihrer Familie war eskaliert. Monatelang hatte die 15-Jährige bereits für die kranke Mutter und ihre beiden Brüder gesorgt.
Milana war erschöpft und abgemagert, als sie nach Bergedorf kam. „Und ich habe mir immer Sorgen gemacht, besonders um meine Brüder, die zunächst auch hier waren“, sagt sie.Nach einigen Wochen lernt Milana das gute Gefühl kennen, nur für sich selbst verantwortlich zu sein: „Natürlich habe ich noch nach meinen Brüdern geschaut, aber ich wusste: Es geht ihnen gut.“ Sie findet gleichaltrige Freunde. „Wir haben gegrillt und gemeinsam gegessen – das war so schön, das kannte ich zuvor gar nicht“, sagt sie und ihre dunklen Augen strahlen. Milana feiert ihre Geburtstage im hauseigenen Partykeller, tobt durch den Garten. Ein eigenes Appartement im Haus wird ihr Reich, hier bewohnt sie 23 Quadratmeter mit Küche und Bad. Die Zeiten ändern sich, stellt Hildegard Süllau fest. „20 Kinder haben sich früher einen Schlafsaal geteilt, gemeinsam mit einer Ordensschwester, die nach dem Rechten sah“, erinnert sich „Oma Hilde“ an das „St. Eli“ vor 50 Jahren. Sie betreute die Kleinkindgruppe. „Das ging morgens um sechs Uhr los, da haben wir die Kleinen teils noch schlafend auf den Topf gesetzt“, erzählt die resolute Rentnerin vom straffen Tagesplan ihrer Jugend. „Und wenn die Kleinen schliefen, haben wir für sie Pullover gestrickt“, sagt sie.Mit bis zu sechs Kindern an der Hand und mehreren Babys im Wagen beschränkten sich auch ihre Spaziergänge auf das unmittelbare Umfeld des Kinderheims. Den Radius ihrer Ausflüge hat Oma Hilde inzwischen stark erweitert. „Ich fahre mit den Kindern jetzt auch mal an den Hamburger Flughafen“, sagt sie stolz.
Mindestens einmal wöchentlich besucht sie „ihre Wohngruppe“. In deren Räumen stand einst ihr Bett am Fenster – heute zieren Grünpflanzen die Ecke. „Es war schön hier“, sagt Oma Hilde rückblickend denn trotz vieler Pflichten nahm sie sich auch erste Freiheiten: „Wenn wir heimlich im Kino waren und zu spät zur Pforte kamen, haben wir behauptet, wir hätten die Post weggebracht.“
Milana kennt solch strenge Vorschriften nicht mehr. An Regeln musste sie sich dennoch halten, nur so konnte sie schließlich über eigenes Geld verfügen und sich aufs Leben außerhalb des Kinder- und Jugendhauses vorbereiten. Denn eins unterscheidet St. Eli deutlich vom Heim mit Eltern und Familie. „Hierher gibt es kein Zurück. Ich muss mein Leben jetzt selbst im Griff haben“, sagt das Mädchen, das wie Hildegard Süllau irgendwann wieder heimkehren möchte: „Dann bin ich vielleicht Oma Milana.“
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