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Brücken bauen als Lebensaufgabe

Lohbrügge. Ob Russlanddeutsche und Türken, ausländische Flüchtlinge oder einsame Senioren – Ulrike Karschies bringt sie alle zusammen.
Ulrike Karschies
Foto: Hardter
„Brücken bauen durch kennenlernen“ hat schon Ulrike Karschies Vater (ein Jugendbild) zu vielfältigen Aktivitäten angeregt.
Ulrike Karschies sprüht vor Begeisterung, als sie von neuen Freundschaften zwischen Einheimischen und Deutschen aus Russland in ihrem Gesprächskreis erzählt. „Menschen, die nebeneinander wohnen, sich vorher auf der Straße nicht einmal gegrüßt haben, weil sie sich fremd waren, umarmen und küssen sich jetzt, wenn sie sich treffen. Das ist die schönste Belohnung für mein Engagement.“ Die heute 61-Jährige ist bereits lange Jahre als ehrenamtliche Helferin der Bergedorf-Bille-Stiftung tätig. Vor sechs Jahren gründete sie neben dem von ihr seit 2000 geleiteten Nachbarschaftstreff in der Wilhelm-Bergner-Straße den interkulturellen Gesprächskreis. Ziel: Integration und Toleranz aktiv leben. Jetzt ist sie Kandidatin für den von Volksbank Stormarn und Bergedorfer Zeitung ausgelobten und mit 4000 Euro dotierten Bürgerpreis Bergedorf.
2001 ist Ulrike Karschies von Glinde nach Bergedorf-West gezogen. Sie ist verheiratet und hat eine Stieftochter. Als aktives Mitglied in der Vertreterversammlung der Bergedorf-Bille-Stiftung engagiert sich Karschies für das soziale Miteinander der Mieter im Quartier Lohbrügge, geht gleichermaßen auf Senioren, Migranten und Jugendlichen zu: „Durch unsere regelmäßigen Kontakte und Gespräche in beiden Treffs genießen die Teilnehmer jetzt Geselligkeit und Vertrauen, statt in Isolation abzudriften – dadurch wird die Lebensqualität für alle verbessert.“
Foto: BGZ
Im Nachbarschaftstreff werden Kartenspielnachmittage sowie Feste organisiert, Computerkurse angeboten und gemeinsame Ausflüge organisiert. Im deutsch-russischen Gesprächskreis treffen sich regelmäßig 25 Teilnehmer – und das sind keineswegs nur Deutsche aus West und Ost. Auch ein Paar aus Honduras sowie Menschen aus Afghanistan nutzen die Gelegenheit zum Klönen, Diskutieren und zum Verbessern ihrer Sprachkenntnisse. „Jeder bringt einen Teil seiner kulturellen Identität ein“, betont Karschies. Mehr noch: Es gibt auch praktische Hilfen zur Alltagsbewältigung und bei Behördengängen. „Früher wollten die einheimischen Deutschen gehen, wenn die Russland-Deutschen kamen. Heute wollen sie ohne einander nicht mehr feiern, freuen sich auf gemeinsame Unternehmungen und lernen dabei voneinander. Vorurteile sind in den Müll gewandert, Verständnis füreinander überwiegt.“
Brücken bauen, sagt sie dazu. „Man muss Menschen signalisieren, dass sie Einem wichtig sind, und sie zum Mitmachen anstacheln, damit sie etwas verändern können. Ich selbst lerne jetzt Russisch in der Volkshochschule. Ich möchte Ansporn für die Migranten sein, damit sie ihre Sprachschwierigkeiten in den Griff bekommen und Deutsch lernen.“
Ulrike Karschies stammt aus Braunschweig. Vorbild ist ihr Vater Kurt, der sich für jüdische Freunde und ihre Schicksale einsetzte, als andere noch betreten schwiegen: „Der war ein echter Menschenfreund, dem Hautfarbe, Religion und Herkunft eines Menschen egal waren.“ Gern erinnert sie sich an den Israel-Besuch ihres Vaters, der mit einem jüdischen Freund von der legendären Außenministerin und späteren Regierungschefin Golda Meir empfangen wurde. Nach ihrer Ausbildung engagierte sich Karschies in der Jugendarbeit der Gewerkschaft und im Personalrat. Später hat die Bürgerpreiskandidatin Bergedorfs Freiwilligen-Börse mit ins Leben gerufen.
Seit fast fünf Jahren ist die frühere Betriebsprüferin für Bankkonzerne jetzt im Ruhestand. „Seitdem ist das Ehrenamt meine Berufung. Einen Halbtagsjob macht das zeitlich mindestens aus“, schätzt sie augenzwinkernd. Freundschaftlich verbunden fühlt sich ihr Gesprächskreis dem „Verein der Deutschen aus Russland“ in Neuallermöhe. „Mit dem organisieren wir Weihnachtsfeiern oder gestalten den Internationalen Frauentag.“
Die Mitglieder strecken ihre Fühler noch weiter aus, etwa Richtung der neuen Moschee in Bergedorf. „Wir durften am Freitagsgebet der muslimischen Männer in der Moschee teilnehmen, danach hatten wir ein gutes Gespräch mit dem Imam.“ Dabei wurden gleich die Weichen gestellt für ein gemeinsames Frühstück mit den türkischen Frauen und eine türkisch-russisch-deutsche Feier.
Was sie glücklich machen würde? „Wenn ich noch mehr Einheimische neugierig machen könnte auf Menschen in ihrer Nachbarschaft, von deren Schicksal sie (bislang) nichts wissen.“

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