21.09.12

Reizgasattacke

Rechtsradikaler Anschlag auf polnische Delegation

Bergedorf. Bei der Einweihung des Mahnmals für Zwangsarbeiter in Bergedorf am Freitagnachmittag hat ein Rechtsradikaler aus Lohbrügger der polnischen Delegation aus geringer Entfernung Reizgas in die Augen gesprüht. Neun Menschen wurden verletzt, sieben davon mussten in Krankenhäuser eingeliefert werden. Der Täter war einschlägig bekannt. Von Thomas Voigt / bgz

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Künstler Jan de Weryha kümmerte sich umgehend um die Opfer des Reizgasanschlages.

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Der 42-Jährige Täter wurde von den Polizisten überwältigt und mit Handschellen abgeführt.

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Nach ersten Erkenntnissen der Staatsschutzermittler befindet sich der 42-Jährige Täter wegen einer psychischen Erkrankung in ärztlicher Behandlung.

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Karoline Kowalska: "Dieser Vorfall zeigt, dass das Gedenken kein Ende haben soll."

"Liebe Gäste der Gedenkfeierstunde, ich begrüß…. – nein, halt! Was ist denn das?!" Pastorin Angelika Schmidt verschlägt es die Sprache, als nur wenige Schritte vor ihren Augen ein Attentäter die Besuchergruppe ehemaliger polnischer Zwangsarbeiter und deren Nachkommen mit Pfefferspray verletzt. Dabei sollte die Enthüllung des Mahnmals zur Zwangsarbeit am Kampdeich in Bergedorf ein weiterer symbolischer Akt der Versöhnung mit den Opfern der schlimmen deutschen Geschichte sein. Der Attentäter Frank A. (42) aus Lohbrügge hat das mit seiner feigen Überraschungstat zunächst verhindert.

Das perfide Reizgas-Attentat hat Freitagnachmittag die Feierlichkeiten zur Einweihung des Zwangsarbeiter-Mahnmals am Kampdeich überschattet. Gleich zu Beginn der Feierstunde stürmte ein Mann von vorn auf die Sitzreihen zu und sprühte Reizgas in die Gesichter in der ersten Reihe. Sieben Gäste kamen mit Augen- und Gesichtsverletzungen im Rettungswagen ins Bethesda-Krankenhaus. Die Polizei nahm den Täter fest, führte ihn in Handschellen ab.

Der Täter stammt aus Lohbrügge, ist 42 Jahre alt. Er ist den Behörden als rechtradikal bekannt. Erst am vergangenen Mittwoch hatte er einen Strafbefehl über 3000 Euro vom Amtsgericht Bergedorf erhalten - für die Verbreitung rechtradikaler Schriften. Er hatte einschlägiges Propagandamaterial an den rechtextremen Anwalt und RAF-Mitbegründer Horst Mahler versandt, der derzeit in Brandenburg in Haft sitzt. Zudem sei der Täter möglicherweise geistig verwirrt, teilte die Polizei mit. Spezialisten aus der Abteilung "Staatsschutz" des Landeskriminalamt haben den Täter noch am Abend vernommen. Näheres zu seinem Motiv teilte die Polizei nicht mit. "Er wirkte nach seiner Festnahme äußerlich sehr ruhig und gelassen, hat auf der Fahrt zur Polizei nicht geredet", so ein Beamter, der den Täter mit überwältigte. Nach Auskunft der Polizei befindet der Mann zudem wegen einer psychischen Erkrankung in ärztlicher Behandlung. Die Polizei geht von einem politisch motivierten Anschlag aus. Die Attacke habe sich nicht gegen das Mahnmal als Kunstwerk, sondern gezielt gegen Mitglieder der polnischen Delegation gerichtet.

Neun Polen verletzt – Bezirksamtsleiter: "Eine Schande" – Staatsschutz ermittelt

Bei den Verletzten handelt es sich ausgerechnet um Mitglieder der polnischen Delegation ehemaliger Zwangsarbeiter und deren Angehöriger, die auf Einladung des Hamburger Senats seit einer Woche in Hamburg weilen. Die Teilnahme an der Enthüllung des Mahnmals sollte der Schluss- und Höhepunkt ihrer Hamburg-Reise sein. Es gilt nach ersten polizeilichen Ermittlungen als wahrscheinlich, dass der Täter gezielt diese Personengruppe als Opfer attackiert hat. Gegen seine Festnahme leistete der Mann mit der bulligen Figur in schwarzer Lederjacke keinerlei Widerstand.

Schock, Bestürzung und tiefe Scham war für den Rest der Feierstunde in den Gesichtern der Initiatoren und der etwa 200 Gäste zu lesen. "Wir brechen jetzt auf keinen Fall ab", presste ein nahezu sprachloser Bezirksamtsleiter Arne Dornquast bereits eine Minute nach der feigen Attacke entschieden hervor. "So einen Erfolg gönnen wir diesem Idioten nicht. Und ein ausgelassenes Fest stand hier ohnehin nicht auf dem Programm." Die schockierende Tat sei auch als Zeichen zu sehen, wie dringend notwendig es sei, im Erinnern und Mahnen an die bestialische Nazi-Diktatur nicht nachzulassen. Dornquast verzichtete aber aus gegebenem Anlass im Anschluss an seine Teilnahme am Oktoberfest-Fassanstich auf dem Frascatiplatz, für den er als Hauptakteur fest eingeplant war.

Bezirksamtsleiter Dornquast: "Diese Tat ist nicht zu entschuldigen, aber ich bitte die Polen um Vergebung."

Drei Frauen und vier Männer aus der polnischen Delegation kamen mit Augenreizungen ins Krankenhaus, darunter mehrere ehemalige Bergedorfer Zwangsarbeiter im Alter von weit über 80 Jahren. Pastorin Angelika Schmidt, Moderatorin der Feierstunde, war ebenfalls fassungslos: "Diese Menschen sollten heute eine späte Würdigung ihrer schlimmen Geschichte in Deutschland erfahren", klagte sie. "Stattdessen wurden sie nun aufs Neue misshandelt."

Arne Dornquast wich trotz der massiven Störung der Enthüllungsfeier nicht von seinem Redekonzept ab: "Der Schrecken des Zweiten Weltkrieges ging von Deutschland aus. Das Deutschland von heute ist aber nicht mehr das Deutschland von damals." Dieses Mahnmal solle ein Stein des Anstoßes sein, fuhr Dornquast fort "Es soll uns immer wieder Anstoß zum Erinnern und Nachdenken sein. Hier auf dem Gelände der ehemaligen Stuhlrohrfabrik, wo unter dem Nazi-Regime Zwangsarbeiter Kriegsmaterial produzierten, ist der richtige Ort dafür."

"Erinnern ist keine leichte Kunst", ergänzt die polnische Vizekonsulin Karoline Kowalska. "Kollektives Erinnern funktioniert in räumlichen Bildern wie diesem Mahnmal. Es symbolisiert den Zwang, die Enge, die Angst, die Bergedorfs Zwangsarbeiter jahrelang hier erlebt haben."

Der Schock der Reizgas-Attacke aber wirkt weiter, auch nach der Feierstunde. "Warum habe ich nicht eingegriffen, als der Kerl auf die alten Leute losgegangen ist?", fragt sich Selina Dukowski (36) verzweifelt. Sie macht sich Vorwürfe: "Ich stand hier wie gelähmt." Die beiden SPD-Politiker Fritz Manke (71) und Dagmar Strehlow (67) finden es "hochnotpeinlich, was hier passiert ist. Wir können es noch gar nicht glauben."

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