Reizgasattacke
Rechtsradikaler Anschlag auf polnische Delegation
Freitag, 21. September 2012 16:51
- Von Thomas Voigt / bgz
Bergedorf. Bei der Einweihung des Mahnmals für Zwangsarbeiter in Bergedorf am Freitagnachmittag hat ein Rechtsradikaler aus Lohbrügger der polnischen Delegation aus geringer Entfernung Reizgas in die Augen gesprüht. Neun Menschen wurden verletzt, sieben davon mussten in Krankenhäuser eingeliefert werden. Der Täter war einschlägig bekannt.
„Liebe Gäste der Gedenkfeierstunde, ich begrüß…. – nein, halt! Was ist denn
das?!“ Pastorin Angelika Schmidt verschlägt es die Sprache, als nur wenige
Schritte vor ihren Augen ein Attentäter die Besuchergruppe ehemaliger
polnischer Zwangsarbeiter und deren Nachkommen mit Pfefferspray verletzt.
Dabei sollte die Enthüllung des Mahnmals zur Zwangsarbeit am Kampdeich in
Bergedorf ein weiterer symbolischer Akt der Versöhnung mit den Opfern der
schlimmen deutschen Geschichte sein. Der Attentäter Frank A. (42) aus
Lohbrügge hat das mit seiner feigen Überraschungstat zunächst verhindert.
Das perfide Reizgas-Attentat hat Freitagnachmittag die Feierlichkeiten zur
Einweihung des Zwangsarbeiter-Mahnmals am Kampdeich überschattet. Gleich zu
Beginn der Feierstunde stürmte ein Mann von vorn auf die Sitzreihen zu und
sprühte Reizgas in die Gesichter in der ersten Reihe. Sieben Gäste kamen mit
Augen- und Gesichtsverletzungen im Rettungswagen ins Bethesda-Krankenhaus.
Die Polizei nahm den Täter fest, führte ihn in Handschellen ab.
Der Täter stammt aus Lohbrügge, ist 42 Jahre alt. Er ist den Behörden als
rechtradikal bekannt. Erst am vergangenen Mittwoch hatte er einen
Strafbefehl über 3000 Euro vom Amtsgericht Bergedorf erhalten - für die
Verbreitung rechtradikaler Schriften. Er hatte einschlägiges
Propagandamaterial an den rechtextremen Anwalt und RAF-Mitbegründer Horst
Mahler versandt, der derzeit in Brandenburg in Haft sitzt. Zudem sei der
Täter möglicherweise geistig verwirrt, teilte die Polizei mit. Spezialisten
aus der Abteilung "Staatsschutz" des Landeskriminalamt haben den
Täter noch am Abend vernommen. Näheres zu seinem Motiv teilte die Polizei
nicht mit. "Er wirkte nach seiner Festnahme äußerlich sehr ruhig und
gelassen, hat auf der Fahrt zur Polizei nicht geredet", so ein Beamter,
der den Täter mit überwältigte. Nach Auskunft der Polizei befindet der Mann
zudem wegen einer psychischen Erkrankung in ärztlicher Behandlung. Die
Polizei geht von einem politisch motivierten Anschlag aus. Die Attacke habe
sich nicht gegen das Mahnmal als Kunstwerk, sondern gezielt gegen Mitglieder
der polnischen Delegation gerichtet.
Neun Polen verletzt – Bezirksamtsleiter: „Eine Schande“ – Staatsschutz ermittelt
Bei den Verletzten handelt es sich ausgerechnet um Mitglieder der polnischen
Delegation ehemaliger Zwangsarbeiter und deren Angehöriger, die auf
Einladung des Hamburger Senats seit einer Woche in Hamburg weilen. Die
Teilnahme an der Enthüllung des Mahnmals sollte der Schluss- und Höhepunkt
ihrer Hamburg-Reise sein. Es gilt nach ersten polizeilichen Ermittlungen als
wahrscheinlich, dass der Täter gezielt diese Personengruppe als Opfer
attackiert hat. Gegen seine Festnahme leistete der Mann mit der bulligen
Figur in schwarzer Lederjacke keinerlei Widerstand.
Bergedorfer Zeitung Online
- Nach Reizgas-Attacke: Attentäter schon wieder frei
- Nach dem Attentat: Täter spricht über den Anschlag
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- Denkt mal, es wäre das Mahnmal
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Bezirksamtsleiter Dornquast: „Diese Tat ist nicht zu entschuldigen, aber ich bitte die Polen um Vergebung.“
Drei Frauen und vier Männer aus der polnischen Delegation kamen mit
Augenreizungen ins Krankenhaus, darunter mehrere ehemalige Bergedorfer
Zwangsarbeiter im Alter von weit über 80 Jahren. Pastorin Angelika Schmidt,
Moderatorin der Feierstunde, war ebenfalls fassungslos: „Diese Menschen
sollten heute eine späte Würdigung ihrer schlimmen Geschichte in Deutschland
erfahren“, klagte sie. „Stattdessen wurden sie nun aufs Neue misshandelt.“
Arne Dornquast wich trotz der massiven Störung der Enthüllungsfeier nicht von
seinem Redekonzept ab: „Der Schrecken des Zweiten Weltkrieges ging von
Deutschland aus. Das Deutschland von heute ist aber nicht mehr das
Deutschland von damals.“ Dieses Mahnmal solle ein Stein des Anstoßes sein,
fuhr Dornquast fort „Es soll uns immer wieder Anstoß zum Erinnern und
Nachdenken sein. Hier auf dem Gelände der ehemaligen Stuhlrohrfabrik, wo
unter dem Nazi-Regime Zwangsarbeiter Kriegsmaterial produzierten, ist der
richtige Ort dafür.“
„Erinnern ist keine leichte Kunst“, ergänzt die polnische Vizekonsulin
Karoline Kowalska. „Kollektives Erinnern funktioniert in räumlichen Bildern
wie diesem Mahnmal. Es symbolisiert den Zwang, die Enge, die Angst, die
Bergedorfs Zwangsarbeiter jahrelang hier erlebt haben.“
Der Schock der Reizgas-Attacke aber wirkt weiter, auch nach der Feierstunde.
„Warum habe ich nicht eingegriffen, als der Kerl auf die alten Leute
losgegangen ist?“, fragt sich Selina Dukowski (36) verzweifelt. Sie macht
sich Vorwürfe: „Ich stand hier wie gelähmt.“ Die beiden SPD-Politiker Fritz
Manke (71) und Dagmar Strehlow (67) finden es „hochnotpeinlich, was hier
passiert ist. Wir können es noch gar nicht glauben.“
Weitere Stimmen und einen Redaktionskommentar lesen Sie in der
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