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"Ich schaue auch mit dem Herzen"

Bergedorf-West.Sie hat viele Beinamen: "Tauschring-Lisa" und "Flohmarkt-Bährchen" gehören dazu: Lisa Bähr wohnt eigentlich in Lohbrügge, ihr Herz schlägt jedoch seit Jahren für den benachbarten Stadtteil Bergedorf-West.
"Weil man hier immer was zu tun kriegt und die Menschen besonders dankbar sind für Zuneigung", sagt die 78-Jährige. Diese Zuneigung, vor allem aber Respekt, gilt auch ihr. Leser haben Lisa Bähr für den von Volksbank Stormarn und Bergedorfer Zeitung ausgelobten Bürgerpreis Bergedorf vorgeschlagen.
Weil der Lagerplatz für den wöchentlichen Flohmarkt nicht ausreicht, muss Lisa Bähr auch zu hause viele Sachen unterbringen.
Foto: Hardter
Weil der Lagerplatz für den wöchentlichen Flohmarkt nicht ausreicht, muss Lisa Bähr auch zu hause viele Sachen unterbringen.
Am liebsten würde die Lohbrüggerin alle einsamen, alten Menschen glücklich machen: "Wenn jemand allein auf einer Bank sitzt, setze ich mich manchmal einfach dazu und beginne ein Gespräch. Ich schaue auch mit dem Herzen. Die meisten freuen sich, dass sie Gesellschaft haben." Lisa Bähr besucht oft Kniffel- und Kartenspielrunden mit Senioren im Westibül: Dort werde mächtig erzählt und gelacht, der belastende Alltag zumindest für kurze Zeit vergessen.
Die 78-Jährige engagiert sich seit vielen Jahren im Stadtteil. Mit Hilfe der Lawaetz-Stiftung, die in den 1990er-Jahren mit der sozialen Stadtteilentwicklung in Bergedorf-West beauftragt war, wurde Lisa Bähr mit einigen Bewohnern der Hochhäuser im Ladenbeker Furtweg aktiv, kümmerte sich um die soziale Belebung des Viertels: "Eine Arbeitsgruppe kümmerte sich um Information über die Stadtteilangebote für Senioren, eine Mieterinitiative mit Nachbarschaftstreff und Mietergärten entstand, eine Filiale des Bergedorfer Tauschrings und schließlich eine vierteljährlich erscheinende Stadtteilzeitung von Bewohnern für Bewohner." Zudem wurde 1998 ein Sparclub gegründet, der bis heute existiert und 35 Mitglieder zählt, die sich über die jährliche Auszahlung vor dem Weihnachtsfest freuen.
Foto: BGZ
Lisa Bähr kümmerte sich vor allem um den Tauschring und die Bürgerzeitung "Westblick" mit einer Auflage von mehr als 3000 Stück. "Wir haben selbst geschrieben und alles zusammengeklebt, einer hat gedruckt, und ich habe alle meine Exemplare selbst an den Türen verteilt, den direkten Kontakt zu den Menschen gesucht. Ich wollte sie für das Leben hier und für mehr Eigeninitiative begeistern." Auch wenn die Projektarbeit längst beendet ist - Lisa Bähr machte trotzdem weiter, will speziell die Alten aus ihren vier Wänden "locken, was aber extrem schwierig ist", verrät sie. "Da muss ich mir noch mal was ausdenken."
Auf größtes Interesse stößt der von Lisa Bähr gegründete Donnerstag-Flohmarkt im Haus Christo neben der Kirche, bei dem außer gut erhaltenen Textilien - "Plünnzeug gibt es bei mir nicht" - auch diverser Hausrat und Teile von Wohnungseinrichtungen für wenig Bares den Besitzer wechseln: "Immer mehr Leute wissen diese Angebote angesichts leerer Portemonnaies zu schätzen." Wichtig sei auch die persönliche Ansprache während der Flohmarktzeit von 8 bis 12 Uhr. "Viele einsame Leute kommen, um einen Kaffee zu trinken und zu klönen. Dafür ist der Flohmarkt ein prima Forum."
Berge gut erhaltener Second-Hand-Ware gehen durch Lisas Hände, müssen ihrem prüfenden Blick standhalten. "Früher haben wir Sachen auch abgeholt, nun kommen die Spender schon von allein, wenn sie Dinge aus Haushaltsauflösungen abgeben oder mal so richtig aufgeräumt haben." Sechs Kartons hat sie bei sich in Lohbrügge in der Badewanne stehen. "Weil wir momentan in unserem Lagerraum in der Gemeinde nicht genug Platz haben", lacht sie. Der Großteil der Einnahmen des wöchentlichen Marktes werden zugunsten der Kirchengemeinde St. Christophorus gespendet. "Wir möchten auf jeden Fall mitbestimmen, was mit dem Geld später passiert."
Das sie "immer was um die Ohren haben muss", ist ihrer Familie bekannt. Und so freuen sich ihr Mann, die vier Kinder, zwei Enkel und ein Urenkel, wenn Lisa Bähr nach Hause kommt und viel aus dem Stadtteil zu erzählen weiß.
Das gilt auch für den Tauschring, bei dem Dienstleistungen von Menschen für Menschen mit "Sternchen-Bonus" gegeneinander aufgerechnet werden. Er ist vielen "Westler" bekannt, war jedoch zeitweise nicht mehr stark nachgefragt. Für die Abwicklung bedarf es einer festen Bürozeit am Dienstag von 14 bis 16 Uhr im Westibül, einer guten Buchführung und perfekter Organisation, wenn beispielsweise Leih-Omas mal die Kinder junger Familien hüten und im Gegenzug ihren Haushalt geputzt bekommen - oder wenn einer was reparieren kann, sich am PC auskennt oder einen Fahrdienst übernimmt.
"Im KulturA in Neuallermöhe soll es jetzt auch so eine Einrichtung geben, ich helfe beim Start", sagt Lisa Bähr. Wer Angebote für Tauschring oder Flohmarkt machen möchte, kann sie unter Telefon (040) 739 76 05 erreichen.

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