Schäden durch Verbiss
Gefräßige Gänse bringen Bauern auf die Zinne
Kirchwerder. Wenn hungrige Wildgänse über Äcker herfallen, bleibt von der Saat nicht viel übrig. Bei einem Ortstermin berieten Bauern, Politiker und Experten nun Gegenmaßnahmen. Von Jule Monika Witt
Heinz Wulff wähnte sich in einem schlechten Traum. "Wie die Heuschrecken" fielen die Wildgänse im vergangenen Jahr über seinen Acker in der Nähe der Hower Fischteiche her. Innerhalb kürzester Zeit waren sechs Hektar Petersilie kahl gefressen. Eine Woche später hatte der Landwirt die Kräuter ernten wollen. 30.000 Euro kostete ihn diese Fress-Attacke. "Geld, das mir niemand ersetzt", sagt Wulff, der die Verluste mit einem Kredit überbrücken musste.
Der Neuengammer ist nicht der einzige Bauer, der unter den kontinuierlich wachsenden Populationen an Grau- und Kanadagänsen in den Vier- und Marschlanden leidet. Deshalb gab die Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt ein Gutachten in Auftrag, dessen Ergebnisse zwar im Regionalausschuss vorgestellt wurden, aber auch keine schnelle Abhilfe versprachen. Nun nahmen sich auch die Politiker des Problems an und trafen sich mit betroffenen Landwirten, Vertretern der Landwirtschaftskammer und dem ehemaligen Kreisjägermeister, Udo Thomsen, der die Grundeigentümer vertrat, bei den Hower Fischteichen.
Für Heinz Wulff ist die Sache klar: "Man hätte schon vor Jahren die Zahl der Wildgänse begrenzen sollen." So wie es auch bei Rehen gemacht werde oder bei Fasanen, die strikt bejagt würden. Allerdings hält sich eine stattliche Anzahl der etwa 3500 Grau- und Kanadagänse, die der Gutachter 2011 im Landgebiet zählte, in den Kirchwerder Wiesen auf. Und in einem Naturschutzgebiet ist das Jagen nicht erlaubt. Eine Alternative wäre, den Wasservögeln den Tisch zu decken. "Ich bin gern bereit, auf fünf Hektar Grünland Gänsefutter zu produzieren", sagt Heinz Wulff. "Aber nur gegen eine Ausgleichszahlung." Die Politiker wollen für ihre Landwirte kämpfen. "Wir sind froh, dass wir noch welche haben", sagt Erika Garbers (CDU)
Im Gänsemarsch auf Spurensuche
Um die 500 Gramm Grünfutter vertilgt eine Wildgans pro Tag. Das macht bei 2000 Tieren schon eine Tonne. Alexander Mitschke, der im Auftrag der Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt (BSU) ein Gutachten erstellte, zählte im vergangenen Jahr maximal 2325 Grau- und 1031 Kanadagänse in den Vier- und Marschlanden. Kein Wunder, dass für Karl-Heinz Kahls Kühe, die auf einer Fläche westlich des Hower Sees weiden, nicht mehr viel übrig bleibt. "Weil die Äsung nicht reicht", lässt der Landwirt statt vier nur noch drei Muttertiere mit ihrem Nachwuchs auf das Grünland.
Dass die Kirchwerder Wiesen – und dort speziell die Angelteiche – zu den bevorzugten Rast-, Brut- und Mauserplätzen der Wildgänse gehören, hob der Biologe Mitschke bereits im Regionalausschuss hervor. Carsten Wulff kann diese Beobachtung nur bestätigen. Auf seinen Feldern am Seefelder Angelsee Weizen anzubauen, ist mittlerweile unmöglich geworden. "Die Gänse fressen alles weg", sagt der Bauer. Besonders hart traf es Heinz Wulff, den die Vögel im vergangenen Jahr um eine komplette Petersilien-Ernte brachten – Schaden: 30.000 Euro, "die mir niemand erstattet", sagt Wulff.
Bei einem Ortstermin an den Hower Fischteichen machten sich Politiker, Bauern, Vertreter der Landwirtschaftskammer und der frühere Kreisjägermeister Udo Thomsen, der die Grundeigentümer vertrat, ein Bild über das Ausmaß der Gänsepopulationen und die Schäden, die sie anrichten. Wenn es nach Heinz Wulff geht, hätte die Zahl der Wildvögel bereits vor Jahren begrenzt werden müssen – genauso wie es bei Rehen oder Fasanen der Fall sei. Erschwerend kommt hinzu, dass in Naturschutzgebieten das Jagen ohnehin verboten ist. Eier anzustechen oder Gelege zu entfernen, davon riet der Gutachter wegen des hohen Arbeitsaufwandes und "artenschutzrechtlicher Bedenken" ab.
Die Tiere zu verscheuchen, erwies sich auch als aufwendige und eher fragwürdige Methode. Denn jeder Flug kostet die Gänse Energie, die sie – kaum dass sie gelandet sind – durch vermehrtes Fressen wieder aufzutanken trachten. Wenn in bestimmten Bereichen kein Ackerbau mehr möglich sei, "dann bauen wir Gänsefutter an", sagt Heinz Wulff. "Aber nicht umsonst". Etwa 1500 bis 2000 Euro stellt er sich pro Hektar vor. Die Ausgleichszahlungen müssten von der BSU kommen, die schließlich auch die Zäune gezogen habe, um die Brutplätze zu schützen.
Die Notwendigkeit, Entscheidungen zu treffen und danach zu handeln, sehen auch die Politiker. In einer der nächsten Sitzungen des Regionalausschusses soll das Thema "Gänse" noch einmal auf die Tagesordnung, eventuell auch ein Arbeitskreis gegründet werden.











