17.02.12

Wulff-Rücktritt

Erleichterung an der CDU-Basis - Suche nach breiter Mehrheit für Nachfolge

Bergedorf. An der CDU-Basis wird der Rücktritt von Christian Wulff überwiegend mit Erleichterung aufgenommen. Für die Nachfolge müsse nun eine "integre Persönlichkeit" gefunden werden. Die Bergedorfer wünschen sich überwiegend Joachim Gauck, ergab eine Blitzumfrage.

Bundespräsident Wulff zurückgetreten
Foto: DPA Christian Wulff verlässt in Begleitung seiner Frau Bettina den Saal, nachdem er seinen Rücktritt erklärt hatte. Er sei überzeugt, dass die rechtliche Klärung zu seiner vollständigen Entlastung führen werde, hatte Wulff betont.

Angesichts drohender strafrechtlicher Ermittlungen hat Bundespräsident Christian Wulff am Freitag seinen sofortigen Rücktritt erklärt. Noch am selben Tag eröffnete Kanzlerin Angela Merkel die parteiübergreifende Suche nach einem Nachfolger, der bis zum 18. März gewählt sein muss. Die Koalitionsspitzen trafen sich am Abend im Kanzleramt, um über mögliche Kandidaten zu beraten. Die Gespräche sollen am Sonnabend fortgesetzt werden. Ebenfalls Sonnabend will die Staatsanwaltschaft Hannover nach Erlöschen von Wulffs Immunität die Ermittlungen gegen ihn aufnehmen.

An der CDU-Basis wurde das Ende des wochenlangen Hin und Hers von Enthüllungen und Entschuldigungen überwiegend mit Erleichterung aufgenommen. "Das war der richtige Schritt. Ein unendliches Thema darf es um einen Bundespräsidenten nicht geben", sagt der Reinbeker CDU-Fraktionschef Wilfried Potzahr . "Ich frage mich allerdings, wer überhaupt noch die Hand für dieses Amt heben möchte."

Für den Bergedorfer CDU-Bezirksabgeordneten Peter Aue war Wulffs Entscheidung überfällig: "Sein Taktieren war anstrengend. Am Ende war er nur noch eine große Belastung für unsere Partei. Einen dauerhaften Schaden für das Amt erkenne ich nicht, eine Demokratie muss so etwas aushalten. Wulff hat keine Millionen unterschlagen, sondern sich Kleinigkeiten geleistet, die aber nicht in das Bild eines guten Präsidenten passen. Jetzt gilt es, einen Neustart mit einem überparteilichen Kandidaten zu finden, der bei allen Fraktionen Bestätigung findet."

Gesucht werde ein integrer Mensch, der für das Amt qualifiziert ist, betont Bergedorfs CDU-Chef  Dennis Gladiator.
Foto: CDU Gesucht werde ein integrer Mensch, der für das Amt qualifiziert ist, betont Bergedorfs CDU-Chef Dennis Gladiator.

Auch Bergedorfs CDU-Vorsitzender und Bürgerschaftsabgeordneter Dennis Gladiator meint, ein neuer Bundespräsident benötige einen breiten Konsens: "Ich finde es vernünftig, dass sich zunächst die Koalitionsparteien zusammensetzen, sich danach auch mit den demokratischen Oppositionsparteien beraten." Gesucht werde ein integrer Mensch, der für das Amt qualifiziert ist. Nicht die Frage Politiker oder Quereinsteiger sei von Bedeutung, "wir brauchen in dieser Situation eine Persönlichkeit".

Der CDU-Bundestagsabgeordnete Norbert Brackmann aus dem Lauenburgischen wünscht sich einen Kandidaten, der für Moral und Integrität steht, von einer breiten Mehrheit der Bundesversammlung getragen wird: "Das schließt die Zugehörigkeit zu einer Partei aber nicht aus. Das Beispiel Köhler hat gezeigt, dass es gut ist, wenn jemand weiß, wie Politik funktioniert." Den ehemaligen CDU-Bundesumweltminister Klaus Töpfer könne er sich vorstellen.

Bergedorfer mehrheitlich für Gauck

"Wen wünschen Sie sich als nächsten Bundespräsidenten?", war unsere Frage in einer kleinen Blitzumfrage Freitagnachmittag im Sachsentor. Von 50 Befragten nannten immerhin 27 Joachim Gauck. Der ehemalige Chef der Stasiunterlagen-Behörde und Bürgerrechtler war 2010 in der Bundesversammlung gegen Wulff unterlegen. Ob er für eine erneute Kandidatur zur Verfügung stünde, mochte er Freitag nicht sagen. Fünf Nennungen - Namen waren nicht vorgegeben - entfielen jeweils auf Heiner Geißler, Gregor Gysi und Helmut Schmidt. Gerhard Schröder nannten vier, Margot Käßmann drei und Winfried Kretschmann eine der gefragten Personen.

Bergedorfs Christdemokraten vertraten Freitag sehr unterschiedliche Positionen zum Rücktritt von Christian Wulff. Norbert Reichelt (CDU), Vizepräsident der Bezirksversammlung , zeigte sich überrascht: "Ich hätte nicht gedacht, dass er das tut, denn die Vorwürfe gegen ihn waren doch an den Haaren herbeigezogen. Denken Sie doch nur mal an diese unsägliche Bobbycar-Affäre. Unserem Land und dem Amt hat Wulff nicht geschadet. Spätestens in einer Woche ist alles vergessen."

"Es war einfach nicht mehr realistisch, Wulff im Amt zu halten", sagt CDU-Fraktionsvorsitzender Sven Noetzel.
Foto: unbek. "Es war einfach nicht mehr realistisch, Wulff im Amt zu halten", sagt CDU-Fraktionsvorsitzender Sven Noetzel.

Dagegen CDU-Fraktionskollege Sven Noetzel: "Es war einfach nicht mehr realistisch, Wulff im Amt zu halten. Es ist immer schwierig zu entscheiden, wann der richtige Moment für den Abgang ist, aber mit seinem wochenlangen Gezaudere hat Christian Wulff dem Amt Schaden zugefügt. Ich plädiere jetzt für einen politischen Bundespräsidenten, einen hemdsärmeligen Menschen mit politischer Erfahrung, der auch die Aufgaben des Mahners und Wächters erfüllt. Angesichts unserer Milliarden-Schulden brauchen wir so ein personifiziertes deutsches Gewissen."

"Ich nehme als Polizeibeamter auch schon mal ne Tasse Kaffee an, aber nicht mit Silberbesteck, und auch bei der Sachertorte sage ich nein", formuliert CDU-Bezirksabgeordneter Jörg Froh . "Wenn gegen einen Präsidenten ermittelt wird, dann muss er seinen Hut nehmen. Zusammen mit allen Fraktionsvorsitzenden sollte unsere Kanzlerin jetzt einen Nachfolger finden."

Die frühere CDU-Bürgerschaftsabgeordnete Elke Thomas aus Bergedorf bezweifelt, dass sich ein geeigneter Kandidat finden lässt: "Wer ist denn jetzt noch für dieses Amt bereit, wenn man da derartig ausgezogen wird? Jeder hat ein Recht auf seine Würde. Und zeigen Sie mir denjenigen, der weniger Dreck am Stecken hat als Wulff. Kleinigkeiten findet man bei jedem."

bgz
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