Pamukkale
Tod im Bahnhof - Jetzt spricht der Wirt: "Es gab keine Fehler!"
Mittwoch, 15. Februar 2012 20:01
- Von Carsten Neff
Bergedorf. Nach dem Tod eines 56-jährigen Gastes stellt sich "Pamukkale"-Wirt Mehmet Yalcin vor seine Mitarbeiter. Die Reaktionen der Bergedorfer reichen von Beschimpfungen bis zum Durchhalte-Brief. Im Imbiss ist es merklich leerer.

Foto: Neff
Seit 2006 gibt es den Döner-Imbiss im Bahnhof, das Stammlokal ist an der Alten Holstenstraße.
Mehmet Yalcin ist sichtbar gestresst. Der 49-jährige Gastronom setzt sich
nervös an den Ecktisch seines Döner-Imbisses im Bahnhof. Mantel und Schal
legt er nicht ab. Sofort sprudelt es aus ihm heraus: „Ein Mensch ist
gestorben – das tut uns allen so leid!“ 1990 habe er sein erstes
„Pamukkale“-Lokal in Bergedorf eröffnet. „So etwas ist noch nie passiert.
Seit Sonntag erleben wir die Hölle.“
Der Grund: Zwei Angestellte seines Imbisses stehen öffentlich in der Kritik.
Wie berichtet, sollen sie Sonntagnacht einen 56-jährigen Gast kurz vor
Feierabend rüde vor die Tür geschleift und bei minus vier Grad hilflos am
Bahnhofseingang abgelegt haben. 15 Minuten später hatte der Mann keinen Puls
mehr, Sonntagabend war er tot. Die Obduktion ergab, dass der Obdachlose an
einer schweren Vorerkrankung starb, dennoch steht der Vorwurf der
„unterlassenen Hilfeleistung“ im Raum, sogar von „Fahrlässiger Tötung durch
Unterlassen“ ist die Rede. Die Kriminalpolizei ermittelt.
„Pamukkale“-Chef Yalcin kann das nicht verstehen. „Meine Angestellten sind
keine Ärzte, dem Mann war sein Zustand nicht anzusehen.“ Ein 19-jähriger
Mitarbeiter habe den Gast am Arm nach draußen geführt, nachdem dieser
mehrere Aufforderungen, das Lokal zu verlassen, ignoriert habe. „Ich kann
nicht erkennen, dass mein Mitarbeiter aus der Situation heraus etwas falsch
gemacht hat.“ Hinterher sei man immer schlauer.
Im Polizeibericht, der sich auf ein Überwachungsvideo stützt, stellt sich der
Vorfall etwas anders dar: Auf dem Video wird der Gast von zwei
Imbiss-Mitarbeitern unter den Armen gestützt. Einige Schritte geht er auf
eigenen Beinen, dann sackt der 56-Jährige zusammen. Die beiden legen ihn am
Bahnhofseingang ab, an eine Mauerecke gelehnt.
Mehmet Yalcin kennt das Video nicht, glaubt seinem Personal. Nachdem der
19-Jährige am Sonntag vorläufig festgenommen wurde, besorgte sein Chef ihm
einen Anwalt. Beide Mitarbeiter werden auch künftig am Dönerspieß stehen.
„Wir machen am Wochenende den Laden um fünf Uhr zu und um sechs schon wieder
auf“, erklärt Yalcin den Zeitdruck seiner Angestellten: „Die Stunde brauchen
wir, um sauber zu machen und abzurechnen.“ Häufig wollten seine Gäste
einfach nicht gehen, weil es im Imbiss schön warm sei. „Wenn wir dafür dann
die Polizei rufen, ist manchmal schon die Stunde rum, bis der Streifenwagen
überhaupt da ist.“ Solche Probleme hat Yalcin in seinen beiden anderen
Restaurants an der Alten Holstenstraße und im Schanzenviertel nicht. „Das
Bahnhofsumfeld bringt uns schwierige Gäste.“ Der Imbiss-Chef gibt zu, dass
seine jungen Mitarbeiter möglicherweise manchmal mit konfrontativen
Situationen überfordert seien. „Ein 19-Jähriger hat noch nicht so viel
Lebenserfahrung, aber einen 50 Jahre alten Mitarbeiter kann ich auch nicht
bis morgens um fünf an den Spieß stellen.“ In einem ist sich Mehmet Yalcin
aber sicher: „Meine Angestellten sind nicht schuld am Tod des Mannes.“
Die Bergedorfer sind gespalten. „Mörder! Euch sollte man selber am Spieß
grillen“, beschimpft eine aufgebrachte Frau im Vorbeigehen die
Imbiss-Mitarbeiter. Ein Stammgast hat dem Team dagegen einen
Durchhalte-Brief geschrieben „Ich bleibe Euch treu, bei Euch ist es nett und
lecker!“ Doch seit Sonntag kommen deutlich weniger Gäste, und rüde
Schimpftiraden seien kein Einzelfall, schildert Yalcin. „Unser Ruf steht auf
dem Spiel.“ Daher hat der Chef auch eine Mitarbeiterversammlung einberufen
und klar angeordnet: „Niemand fasst mehr einen Gast an. Ruft in jedem Fall
die Polizei.“

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