13.02.12

Ermittlungen

Rauswurf aus Bahnhofsimbiss - Gast (56) stirbt

Bergedorf. Nach dem Rausschmiss aus dem Imbiss "Pamukkale" im Bergedorfer Bahnhof ist ein Gast am Sonntag gestorben. Die genauen Umstände und die Todesursache sind noch nicht geklärt. Der 56-Jährige wollte den Imbiss nicht verlassen, als die Mitarbeiter Feierabend machen wollten.

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Foto: Carsten Neff

Der "Pamukkale"-Imbiss an der Lohbrügger Seite des Bergedorfer Bahnhofs hat am Wochenende bis fünf Uhr morgens geöffnet. Kurz vor Feierabend schleiften die Mitarbeiter den hilflosen Stammgast vor die Tür.

Foto: Neff

Im Eingangsbbereich des Bahnhofs lag der hilflose Holger F. Sonntagnacht war es -4,1 Grad kalt.

Holger F. hat Sitzfleisch. Der 56-jährige Bergedorfer ist regelmäßig im türkischen Imbiss "Pamukkale" im Bergedorfer Bahnhof anzutreffen. Dann sitzt er vor seiner Flasche, trinkt und sitzt – und sitzt und trinkt. So auch in der vergangenen Sonntagnacht. Es ist zwanzig vor fünf. Der Bahnhof ist fast menschenleer, der Imbiss auch, bis auf Holger F. und die beiden Angestellten.

Diese haben den Dönerspieß schon abgestellt, reinigen die Friteuse. Um 5 Uhr ist Feierabend. Sie fordern den letzten Gast auf, jetzt nach Hause zu gehen. Der habe nur gemurrt, keine andere Reaktion gezeigt, berichtet Polizeisprecher Andreas Schöpflin. Noch einmal probieren es die Imbissmitarbeiter mit guten Worten, dann wird es ihnen offenbar zu bunt. Einer von ihnen packt Holger F. Gemeinsam mit seinem Kollegen schleift der 19-Jährige den Gast vor die Tür. Im zugigen Fußgängertunnel, am Bahnhofseingang auf der Lohbrügger Seite, setzen sie den Mann auf die Fliesen. Holger G. sackt in sich zusammen bleibt reglos liegen. Die beiden Imbiss-Angestellten gehen zurück in den Laden, räumen dort weiter auf.

Ein Bergedorfer beobachtet den rüden Rausschmiss, spricht den auf dem kalten Boden liegenden Mann an, bekommt aber keine Antwort. Der Zeuge hat Angst um den Hilflosen, das Thermometer zeigt -4,1 Grad. Der Beobachter zögert nicht lange und alarmiert die Polizei. Die Beamten sind von der nahen Wache binnen Minuten vor Ort, können bei dem 56-Jährigen keinen Puls mehr fühlen. Sie beginnen mit Herzdruckmassage, alarmieren die Feuerwehr. Der Notarzt holt Holger W. zurück ins Leben. Unter künstlicher Beatmung wird er ins Bethesda-Krankenhaus eingeliefert. Dort fällt der Bergedorfer zunächst ins Koma. Den Sonntag überlebt er nicht: Holger F. stirbt um 19.30 Uhr.

Inzwischen ermittelt die Kriminalpolizei. Der 19-jährige Imbissmitarbeiter wird vorläufig festgenommen. Der Vorwurf: Unterlassene Hilfeleistung oder sogar fahrlässige Tötung. "Der Mann verweigert inzwischen die Aussage. Er lässt sich anwaltlich vertreten", sagt Schöpflin. Den Kollegen hatte die Polizei bis zum Montagnachmittag noch nicht angehört: "Der läuft uns ja nicht weg." Auch der 19-Jährige ist mittlerweile wieder auf freiem Fuß.

. Was und wie viel der Verstorbene getrunken hatte, ist noch unklar. Auch die Todesursache steht noch nicht fest. Schöpflin: "Am Dienstag soll die Leiche des Bergedorfers im Institut für Rechtsmedizin obduziert werden." Die Polizei nimmt die Angelegenheit sehr ernst. Die Bergedorfer Kripo hat den Fall an die Experten für Todesermittlungen im Landeskriminalamt abgegeben.

Der Besitzer des "Pamukkale"-Imbisses, der auch ein türkisches Restaurant an der Alten Holstenstraße betreibt, will sich zu dem konkreten Vorfall nicht äußern: "Ich war selbst nicht vor Ort und konnte mit meinen Mitarbeitern noch nicht sprechen", erklärt Mehmet Yalcin am Montagnachmittag auf Nachfrage. Allerdings kenne er die Probleme kurz vor Feierabend. "Jedes Wochenende haben wir Stress mit betrunkenen Gästen, die nicht nach Hause wollen", schildert Yalcin: "Wenn man dann die Polizei ruft, dauert es häufig länger als eine Stunde, bis ein Streifenwagen kommt." Dabei sei die Polizeiwache nur 150 Meter vom Bahnhof entfernt. "Mit der Polizei gibt es eine Absprache, dass wir das lieber selbst in die Hand nehmen sollen."

"Es gibt keine Absprache", stellt Polizeirat Ansgar Hagen (44) kopfschüttelnd klar: "Wir fahren zu jedem Hausfriedensbruch, wenn nötig, auch mehrfach am Tag". Die Reaktionszeit hänge dabei von der Dringlichkeit und dem Einsatzgeschehen ab, erklärt der stellvertretende Bergedorfer Polizeichef. "Wenn ein Arzt gebraucht wird, kommt die Feuerwehr."

Rechtslage: Wer in Not ist, hat ein Recht auf Hilfe

"Der Zeuge des Vorfalls hat völlig richtig gehandelt", erklärt Strafrechtler Heiko Ahlenstorf von der Anwaltssozietät Ahlenstorf-Scheffler-Daum an der Alten Holstenstraße. "Wer in so einem Fall nicht eingreift oder zumindest umgehend Hilfe holt, macht sich der unterlassenen Hilfeleistung schuldig." Diese wird mit bis zu einem Jahr Freiheitsstrafe oder Geldstrafe geahndet.

Für die Angestellten der Gaststätte sieht der 61-jährige Anwalt noch ein weiteres Problem: "Gastwirte haben ihren Gästen gegenüber eine gewisse Fürsorgepflicht." So dürften Mitarbeiter einer Gaststätte einem Kunden dann keinen Alkohol mehr ausschenken, wenn dieser schon so betrunken sei, dass dadurch eine Gefährdung entstehe.

"Ich kenne die Hintergründe des konkreten Falls nicht und kann ihn daher rechtlich nicht beurteilen", betont Anwalt Ahlenstorf. Wenn Mitarbeiter einer Gaststätte allerdings einen bereits erkennbar hilflosen Gast vor die Tür setzten, sei dies möglicherweise eine "gefährdende Handlung", aus der eine besondere Verantwortlichkeit erwachse. "Rechtlich kann daraus dann schnell eine fahrlässige Tötung durch Unterlassen werden." Nach Paragraf 222 StGB wird diese, je nach Schwere, sogar mit Gefängnis von bis zu fünf Jahren bestraft.

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