Abschied mit Herzblut und Meisterhand

Neuengamme
(gb).
Die Stimmung war wie immer sonderbar, als im Klinkerwerk des ehemaligen Konzentrationslagers Neuengamme das Händel-Oratorium " Messias" erklang. Es war das letzte Gedenkkonzert unter Leitung von Kirchenmusikdirektor Professor Lutz-Michael Harder, der als Kantor und Organist am 30. August von der Kirchengemeinde St. Johannis offiziell in den Ruhestand verabschiedet wird.

Die öffentliche Verabschiedung begann bereits im Dezember, als Harder zum letzten Mal das Weihnachtsoratorium von Bach in seiner Kirche dirigiert hatte. Teil zwei folgte nun am Sonntag im Klinkerwerk: Fast 700 Zuhörer konnten noch einmal einen großartigen, charismatischen Dirigenten erleben. Mit Herzblut und Meisterhand leitete Harder das Großensemble mit Gesangssolisten Tanya Aspelmeier (Sopran), Juliane Sandberger (Alt), Michael Connaire (Tenor), Christoph Liebold (Bass), der Kantorei St. Johannis und Projektorchester, zum Teil mit Mitgliedern der Staatsphilharmonie Hamburg besetzt.

"Als Sie 1992 zum ersten Mal hier ein Konzert leiteten, war es für viele sehr kontrovers, ob es angebracht ist, an einer solchen Stätte zu musizieren, gar Halleluja zu singen. Auch ich hatte damit meine Probleme", sagte nach der erstklassigen "Messias"-Aufführung der Leiter der KZ-Gedenkstätte Neuengamme, Dr. Detlef Garbe, und fuhr fort: "Sie und Ihre erfolgreiche Kantorei haben hier einen Aufschrei gegen das Grauen gewagt. Ihnen ist es zu verdanken, dass unzählige Hamburger auf die fast schon im Kopf verdrängte KZ-Gedenkstätte wieder aufmerksam gemacht wurden."

Wie beim ersten Gedenkkonzert vor 23 Jahren stand auch diesmal "Messias" auf dem Programm. Das dreistündige Konzert, das im Rahmen der Bergedorfer Musiktage stattfand, leitete der Gedenkstätten-Pastor Hanno Billerbeck ein: "Es ist nicht die einmalige Akustik, sondern der Raum selbst. Gott sei Dank, kein Ort der Gewalt mehr. Dennoch: Es ist hier geschehen. So begreifen wir die Musik als ein starkes Zeichen für den Frieden und Gerechtigkeit."

Dann verlas Billerbeck 23 Namen der Häftlinge und Zwangsarbeiter aus den Niederlanden, Deutschland, Sowjetunion, Weißrussland und Polen, die in den Kriegsjahren jeweils am 28. Juni ermordet wurden. Als Verbeugung vor Opfern der NS-Gewaltherrschaft erklang dann das Händel-Oratorium - von vier exzellenten Solisten, dem ausgesprochen souverän wirkenden Chor und Instrumentalisten interpretiert.

Die 23-jährige Gestaltung der Gedenkkonzerte, die Liebe zur Musik und seiner Kantorei, zur Wirkungsstätte Neuengamme, gepaart mit höchster Professionalität waren Lutz-Michael Harder anzusehen: ein charmanter, seliger Vollblutmusiker in seinem Element. Fazit: Ein für alle ergreifendes Ereignis in der Gedenkstätte, für Harder ein hervorragendes Abschiedskonzert, mit Blumen für ihn und seine Frau Irene, mit lauten Bravo-Rufen und Standing Ovations.

Die Zukunft der Gedenkkonzerte ist unterdessen ebenso ungewiss wie die Neubesetzung der Kirchenmusikerstelle in St. Johannis. Pastorin Doris Spinger: "In wenigen Tagen werden sich zwei Bewerber bei uns vorstellen. Dann wissen wir mehr."

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