Windräder

Windkraft: Erste Familie will flüchten

Kirchwerder. Familie Stumpf ist verzweifelt. 650 Meter von ihrem Grundstück am Horster Damm entfernt sollen zehn Windräder mit einer Höhe von jeweils 150 Metern aufgestellt werden.

Sollten die neuen Windkraftanlagen dort tatsächlich errichtet werden, will die Familie aus Bergedorf wegziehen. Christoph Stumpf (46), einziger Parkettlegemeister im Bezirk, würde dann seine vier Mitarbeiter starke Firma mitnehmen.

Die Eheleute haben viel recherchiert, sich ausgiebig mit dem Thema Windkrafträder beschäftigt. "Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt einen Mindestabstand von zwei Kilometern zur Wohnbebauung. Auch zu einem Naturschutzgebiet müssen wenigstens 1000 Meter eingehalten werden. Warum gelten für unsere Kinder andere Regeln?", fragt Nicole Stumpf.

"Lärm, Infraschall, Schattenwurf, rot-weiß markierte Rotorblätter und rote Blinklichter in der Nacht - diese Anlagen sind gesundheitsschädlich, das ist wissenschaftlich bewiesen", sagt die 37-Jährige. "Unsere Kinder wollen wir diesem Risiko nicht aussetzen. Wenn die Politik dies nicht verhindert, tun wir Eltern es." Leicht fiel dem Ehepaar die Entscheidung für einen Umzug nicht: Die Eheleute sind beide in Bergedorf aufgewachsen, leben seit zehn Jahren am Horster Damm. "Unsere Töchter möchten nicht weg. Deshalb gibt es häufig Streit, ist die Grundstimmung schlecht", sagt der Familienvater, dessen Schwiegereltern nebenan wohnen.

Das Einfamilienhaus der Stumpfs liegt in dem Bereich, der nach dem jetzigen Planungsstand am dichtesten an den neuen Zwei-Megawatt-Anlagen dran wäre.

Die Eheleute sind keine Windkraft-Gegner, betonen sie. "Wir sind für die Energiewende und gegen Atomkraft. Wir leben seit unserem Einzug mit den 76 Meter hohen Windrädern, die nur wenige Hundert Meter entfernt stehen. Das ist auch in Ordnung, weil sie ins Landschaftsbild passen", sagt Christoph Stumpf. "Ich habe aber das Gefühl, weil wir uns nie beklagt haben, bekommen wir nun die 'Belohnung' - nach dem Motto 'Mit denen kann man es ja machen'."

Der 46-Jährige ist davon überzeugt, dass das Aufstellen der 150-Meter-Windräder dramatische Folgen nicht nur für seine Familie, sondern für das ganze Dorf hat. "Junge Familien ziehen doch bereits ihre Bauanträge zurück. Bald werden hier nur noch Alte und Arme leben. Denn: Wer es sich leisten kann, haut ab. Das werden Kirche, Kita, Schule und Sportverein deutlich zu spüren bekommen."

Christoph Stumpf: "Eine Husumer Firma hat bereits zwei weitere Flächen für Windräder reserviert. Aber hey, wir sind hier in den Vier- und Marschlanden und nicht in einem Industriegebiet. Wir haben etwas zu verlieren." Seiner Meinung nach fehle es an Augenmaß: "Da soll einfach drauflos gebaut und alles zugepflastert werden, wie einst mit den Atomkraftwerken. Aber das tötet Landstriche wie den unseren."

Von den Politikern sind die Altengammer enttäuscht: "Hamburg will führend in der Windkraft sein, aber mit den betroffenen Bürgern wird nicht gesprochen", sagt der 46-Jährige. Seine Frau fühlt sich mitunter "wie in einer Diktatur". Christoph Stumpf fragt sich, wer am meisten von der Windkraft profitiert: "Für andere ist es ein Geschäft. Für uns ist es die Heimat."

Bis zum 17. Oktober liegen die Unterlagen zur Änderung des Flächennutzungsplanes an der Wentorfer Straße 38 a öffentlich aus. Solange kann Einspruch erhoben werden.