Reportage

Wenn Redner zu Kämpfern werden

Hamburg. Braucht die Erde einen zweiten Mond? Julien Motschiedler (25) ist dafür. Öfter Ebbe und Flut und mehr Licht bei Nacht - für ihn liegen die Vorteile klar auf der Hand. "Und was ist mit den Menschen, die bei Vollmond nicht schlafen können?

Und mit den Nomaden, die ihren Weg mit Hilfe der Himmelskörper finden, die verlaufen sich doch", hält Baldur Kelner (29) dagegen. Absurd wirkt diese Diskussion nur auf Debattierlaien. Für Julien und Baldur ist sie ganz normal und an diesem Abend Teil des Aufwärmspiels vor der Mittwochsdebatte, bei der es dann an härtere Themen geht.

Einmal in der Woche treffen sich die Mitglieder des Debattierclubs Hamburg im Gebäude der Wirtschaftswissenschaften der Universität, um mit Worten gegeneinander anzutreten. "Es geht zum einen darum, die Gegner mit den besseren Argumenten zu schlagen. Zum anderen ist es wichtig, bestimmte Regeln und Zeitvorgaben einzuhalten", erklärt Clemens Koester. Der 24-Jährige ist Vorsitzender des Debattierclubs Hamburg und juriert an diesem Abend zusammen mit Melanie Röpke (23) eine der beiden Debatten, die in zwei Räumen ausgetragen werden.

Ausfallen lassen wollen die Studenten und jungen Berufstätigen ihre Debatte auch diesmal nicht, obwohl sie im Moment verdammt viel zu tun haben. Seit Wochen sind sie damit beschäftigt, Hotels und Jugendherbergen zu reservieren, Ehrengäste einzuladen oder Pressemitteilungen zu schreiben. "Wir holen die Zeit-Debatten nach Hamburg", erklärt Clemens Koester. Und die zählen immerhin zu den wichtigsten Debattenturnieren Deutschlands. Vom 13. bis zum 15. Januar werden nun also studentische Teams aus ganz Deutschland in Hamburg gegeneinander antreten.

Heute aber wird im kleinen Kreis debattiert, ganz normal, wie jeden Mittwoch. Einige sind das erste Mal hier, verfolgen gespannt, wie sich die Kontrahenten am Stehpult absurde Argumente um die Ohren hauen, hoffen insgeheim, nicht nach vorne zu müssen. Doch: "Bei uns gibt's keine Schonfrist", macht Clemens klar und erklärt für die Hinzugekommenen noch einmal die Regeln der Debatte im sogenannten "British Parliamentary Style" (BPS). Vier Zweierteams gibt es, zwei davon haben die Regierungs- zwei die Oppositionsrolle. "Die Regierung stellt einen Antrag, die Opposition muss Argumente dagegen finden", fasst Clemens zusammen. Wer Regierung und wer Opposition ist, entscheiden Lose, die Clemens nun verteilt. "Jeder Redner hat sieben Minuten, nicht kürzer und auch nicht länger", betont Clemens. Dann endlich verrät er das Thema: "Sollte der Einsatz von V-Männern verboten werden?" lautet es. Die Zeit läuft. 15 Minuten Vorbereitungszeit haben die Teams ab jetzt.

Julien und Baldur ziehen sich in eine Ecke des Raums zurück. Die zugeloste Meinung, die sie vertreten müssen, schmeckt ihnen nicht so richtig: als erstes Regierungsteam müssen sie nun Gründe für das Verbot von V-Männern finden. "Mir fallen eher Argumente dagegen ein", sagt Julien. Es nützt nichts. Die beiden müssen nun trotzdem schlüssige Argumente für ihre Seite zusammentragen und sich eine Teamstrategie überlegen. Das Ganze unter Zeitdruck. Eine Viertelstunde später beantragt der erste Regierungsredner Julien also, den Einsatz von V-Männern zu verbieten. Die Debatte ist eröffnet. Ab jetzt wird scharf geschossen. "Es ist falsch, Männern aus der extremistischen Szene Geld für Auskünfte zu geben. Wir wissen nicht, wie glaubwürdig diese gekauften Informationen sind", sagt Julien. Doch damit lässt sich die Opposition nicht abspeisen.

"Unsinn", ruft Barbara Schunicht (22) dazwischen. "Schon einmal ist der Staat damit gescheitert, einen Verbotsantrag gegen die NPD durchzukriegen, weil die obersten Ebenen der Partei von V-Männern durchsetzt waren", entgegnet Julien. Als Oppositionsrednerin Silke Hölscher (24) an der Reihe ist, dreht sie richtig auf. "Wenn wir Parteien wie die NPD verbieten wollen, haben wir nur mit Informationen von V-Leuten eine Chance dazu", sagt sie. "Humbug", tönt Baldur aus der Regierungsecke. Silkes Teamkollegin Barbara klopft dagegen auf den Tisch und unterstützt ihre Mitstreiterin. Nun ist richtig Stimmung im Raum. Es fliegen die Fetzen. Gute und schlechte Argumente, sitzende Konter, Provokationen, Beleidigungen und Unterstellungen gehen hin und her."So muss es sein", sagt Jurorin Melanie Röpke, während sie sich auf einem großen Blatt Notizen macht und nach jeweils sieben Minuten mit einer Wasserflasche auf den Tisch haut, um das Ende der Redezeit klarzumachen. "Eigentlich machen wir das mit einer Klingel. Aber die habe ich heute nicht dabei", sagt Melanie und runzelt die Stirn, als Rednerin Silke nach dem Flaschensignal einfach nicht zum Schluss kommen will. "Das gibt Minuspunkte", sagt Melanie und notiert's auf ihrem Zettel.

Über eine Stunde später geben sich die Redner sichtlich ermattet vom Wortgefecht die Hand und verschwinden vor der Tür, während Jurorin Melanie die Debatte auswertet. "Hast mich ganz schön in die Enge getrieben. Aber wir gewinnen trotzdem", sagt Julien zu Kontrahentin Barbara und nimmt erst mal einen extra großen Schluck aus seiner Wasserflasche. Seit über einem Jahr ist Julien überzeugter Debattierer. Auch wenn er inzwischen nicht mehr in Hamburg sondern in Bremen studiert, die Debatten in seinem angestammten Club lässt er sich selten entgehen. Warum? "Man lernt in Stress-Situationen cool zu bleiben und es macht einfach Spaß", sagt er, und: "Improvisieren kann ich wirklich, seit ich hier bin." Silke Hölscher, jetzt plötzlich wieder auf einer Linie mit ihrem vorherigen Gegner, stimmt zu. "Man tritt als Team auf und lernt, sich in die Gegenseite hinein zu denken. Dadurch wird man mit der Zeit tatsächlich toleranter", sagt die angehende Juristin, die auf der Bucerius Law School studiert. "Auch später im Beruf bringt es mit Sicherheit was, reden zu können." "Pause vorbei" - Melanie steht in der Tür, bittet die Redner wieder in den Raum. Der Sieger steht fest: Es ist die Opposition. "Blöd gelaufen", sagt Julien, nimmt die Niederlage aber gelassen und hört sich ziemlich routiniert Melanies Kritik an. Sie weist auf Juliens mangeldende Struktur in seiner Rede und Baldurs fehlende Gestik hin. Sie rät allen Rednern, mehr Blickkontakt mit dem Publikum zu halten und sich durch Zwischenrufe nicht aus dem Konzept bringen zu lassen und sie lobt die gute Teamarbeit der Opposition.

Die Freude über den Sieg ist dort aber nicht so stark wie die auf das Belohnungsbier, das nun ansteht. In einer nahe gelegenen Kneipe lassen die Redner die Debatte ausklingen und besprechen die letzten Vorbereitungen für das große Turnier. "Es ist unheimlich viel Arbeit. Aber es wird spannend, so viele Debattierfans von überall hier zu haben", sagt Clemens Koester. Debattieren sieht der Student der Betriebswirtschaft als sportliche Herausforderung. "Es macht unheimlich viel Spaß", sagt er. "Und egal ob man siegt oder verliert - man entwickelt sich mit jeder Debatte ein kleines Stück weiter."

© Bergedorfer Zeitung 2017 – Alle Rechte vorbehalten.