Schreibaby

Nach sieben Wochen ist Levin ruhig

Reinbek. Es gibt eine Zeit, die nennt Marielen Hasekamp nur "die sieben dunklen Wochen". Sieben Wochen, in denen ihr Sohn Levin, damals vier Monate alt, von einem Moment auf den anderen anfing zu schreien und durch nichts und niemanden mehr zu beruhigen war.

"Wir hatten nur noch Theater und wussten nicht, wie wir ihm helfen konnten", erinnert sich die junge Mutter.

Am ersten Abend waren sie und ihr Mann Dennis so beunruhigt, dass sie von Geesthacht aus ins Kinderkrankenhaus nach Lüneburg fuhren. Dort jedoch kamen sie mit einem erschöpften und mittlerweile friedlich schlummernden Baby an und fuhren mit einem Koffer voller guter Ratschläge wieder weg. Am nächsten Tag ging das Ganze von vorne los. "Levin hat sich nur im Tragetuch ein bisschen beruhigt. Wenn er geschlafen hat, dann nur, weil er sich zuvor über Stunden müde geschrien hat", erinnert sich die 29-Jährige.

Sie war in dieser schweren Zeit selbst todmüde, verzweifelt. Die zahlreichen gut gemeinten Ratschläge von Verwandten und Freunden fassten sie und ihr Mann irgendwann als Kritik auf. "Ich dachte, dass ich eine schlechte Mutter bin. Alle schaffen es, ihre Kinder zu beruhigen, nur ich nicht", gibt die Geesthachterin offen zu.

Das jedoch sei ganz bestimmt nicht der Fall, betont Monika Wiborny. Die Heilerzieherin und Sozialtherapeutin hat die Schreiambulanz Stormarn und Hamburg mit aufgebaut und hilft Eltern unter anderem im Krankenhaus St. Adolf-Stift, die genau das Gleiche durchleben wie das junge Ehepaar. 80 Familien haben sie und ihre Kollegin Mareike Kachel allein in diesem Jahr betreut, jede kann zehn individuelle Sitzungen wahrnehmen. "Geschätzt jedes fünfte Kind hat eine Schreiproblematik. Bekommen wir einen Anruf von betroffenen Eltern, bieten wir ihnen binnen 48 Stunden einen Termin an", erklärt Mareike Kachel. Sie weiß, dass in Extremsituationen jede Stunde zählt. Viele Betroffene warten jedoch Monate, bis sie Hilfe suchen.

Willkommen sind Familien mit Kindern im Alter bis zu drei Jahren. Weder ihre Herkunft, noch ihre Konfession, der soziale Status oder die finanziellen Möglichkeiten spielen bei der Terminvergabe eine Rolle. Wer Hilfe braucht, bekommt sie auch. Die Themen: Kinder, die viel schreien, wenig schlafen und sich schlecht beruhigen lassen, an Ess- oder Entwicklungsstörungen leiden. Darüber hinaus finden Mütter Halt, die an Depressionen leiden.

An ihre erste Stunde bei Monika Wiborny und Mareike Kachel kann sich Marielen Hasekamp noch sehr gut erinnern. "Ich habe die ganze Zeit nur geheult." Und damit war der erste Schritt in Richtung Besserung auch schon gemacht. Druck ab- und den Schmerz zulassen, wütend sein und sagen dürfen: Ich kann grad nicht mehr. "So geht es vielen jungen Eltern. Dass alles nach der Geburt nur rosarot und super ist, stimmt einfach nicht", sagt Monika Wiborny. Gut fände sie es, wenn genau das in Geburtsvorbereitungskursen offen angesprochen würde. Frisch gepuderte, glückliche Babys, ausgeschlafene und entspannte Eltern, dampfendes Essen auf dem Tisch und eine pikobello aufgeräumte Wohnung - "das gibt es dann doch nur im Fernsehen", so die Krisenhelferin.

Mit Marielen Hasekamp und ihrem Mann sprach sie unter anderem über eine komplizierte Schwangerschaft, und einen Kaiserschnitt, den die junge Mutter immer noch nicht ganz verarbeitet hatte. Bei anderen Paaren sind es beispielsweise Beziehungsprobleme oder finanzielle Sorgen, die die Eltern plagen und sich auf das Kind übertragen. Die Hintergründe sind so vielfältig wie das Leben selbst. "Im Gespräch klärt sich vieles", so Mareike Kachel.

Sie und ihre Kollegin gaben den Geesthachter Eltern zudem noch Tipps, wie sie sich und ihren Sohn mit tiefer Bauchatmung und einer kuscheligen Babymassage gemeinsam entspannen können - und plötzlich war der Knoten geplatzt. Innerhalb weniger Tage beruhigte sich erst der Säugling, dann seine Eltern - das Ende der "sieben dunklen Wochen".

Beim Blick in das fröhliche Gesicht ihres Sohnes ist all das für Marielen und Dennis Hasekamp jetzt vergessen.

Informationen zur Schreib-Baby-Ambulanz gibt es im Internet unter www.schreibabyambulanz-stormarn.de . Monika Wiborny (Telefon 040- 45 92 48) und Mareike Kachel (0 41 02 -20 26 67) beraten auch im Krankenhaus St.Adolf-Stift.

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