Jan de Weryha

"In die Welt der Bäume hineinatmen"

Bergedorf. Das Mahnmal gegen Zwangsarbeit macht Jan de Weryha noch immer betroffen. Beim Gedanken an den Reizgas-Anschlag bei der Enthüllung im September und die Anfeindungen während der Entstehung schüttelt der Bildhauer den Kopf: "Würde mir das Projekt heute angeboten, ich glaube, ich würde ablehnen. Ich bin zu alt für so was."

Tatsächlich hat sich der international renommierte Künstler vom Beton des Mahnmals verabschiedet und konzentriert sich wieder auf "seinen" Werkstoff Holz. "Das ist völlig unpolitisch - sofern man dieses Material nicht als Aufschrei gegen die Abholzung oder den Klimawandel versteht", sagt der 63-Jährige. "Holz ist ein warmer Werkstoff und deutlich näher am Menschen als Stein oder Metall. Für mich ist die Arbeit damit, als würde ich in einen Wald treten und mich in die Welt der Bäume hineinatmen und ihr Holz erforschen."

Die Ergebnisse beeindrucken Kunstexperten wie Laien schon seit der vielseitige de Weryha 1997 Holz für sein Werk entdeckt hat. Objekte von ihm hängen im Nationalmuseum in Stettin, im Museum für Moderne Kunst in Ronsko bei Warschau sowie bei zahlreichen Sammlern in ganz Europa und in mancher Firmenzentrale in Hamburg. Ohnehin ist die Hansestadt ein Zentrum seiner Kunst. Denn hier hat der gebürtige Danziger seit seiner Flucht 1981 eine neue Heimat gefunden. "Damals kam ich mit Frau und kleinem Sohn direkt nach Bergedorf. Genau genommen lebe ich heute also schon länger hier, als ich je in Polen war", beschreibt er die Gefühlslage eines Künstlers, der zwar unpolitisch sein will, aber von den Gefühlslagen beider Nationen immer wieder eingeholt wird.

In seinem Atelier, einer umgebauten Scheune am Rand von Lohbrügge, die einst ein Magazin des Bergedorfer Museums beherbergte, arbeitet Jan de Weryha im Winter bei warmem Kaminfeuer und im Sommer viel im Freien. Ein Teil seiner Werke ist auf den beiden Etagen der Scheune ausgestellt - wenn sie nicht gerade in Ausstellungen gezeigt werden. Immer wieder begrüßt de Weryha Besuchergruppen zu Rundgängen (Kontakt: 0172 405 32 38) und bietet hier auch Workshops an ( www.de-weryha-art.de ).

Doch auch wenn sich der Künstler Jan de Weryha hier spürbar wohlfühlt, seine Gedanken verlassen diesen von ruhiger Musik durchdrungenen Ort immer wieder. "Ich stamme aus einer deutsch-polnisch-österreichischen Familie. Wir haben uns immer mit Ressentiments konfrontiert gesehen. Das ging am Ende so weit, dass ich in den 1980er-Jahren vom polnischen Geheimdienst gedrängt wurde, auf meinen Reisen in den Westen als Spitzel tätig zu sein. Als ich ablehnte, entzogen sie mir meinen Pass."

De Weryha zog seine Konsequenzen, indem er mit Frau und Kind quasi illegal als Passagier auf einem Frachter Richtung Japan eincheckte - und in Hamburg von Bord ging. Damit war die Flucht gelungen, doch der Ausländer-Stempel blieb der Familie auch in Deutschland. Wahrscheinlich hat das in dem Künstler dieses Gefühl wachsen lassen, etwas Dauerhaftes für die Völkerverständigung tun zu müssen - indem die Gräueltaten der Kriege der jüngsten Vergangenheit so deutlich ins Bewusstsein gerückt werden, dass so etwas nie wieder passieren kann.

So steht der Name Jan de Weryha heute bereits für zwei Mahnmale in Bergedorf. Neben dem jüngsten am Kampdeich schuf er auch das 1999 eingeweihte auf dem Gelände der KZ-Gedenkstätte in Neuengamme, das an die Deportierten des Warschauer Aufstandes von 1944 erinnert. Ihre Wirkung haben beide - auch wenn der Künstler über die Pöbeleien und den Anschlag traurig ist: "Der Betonklotz auf dem Kampdeich zieht immer wieder Menschen an. Der Blick durch den verspiegelten Sehschlitz ist gerade bei jungen Leuten beliebt und wird - glaube ich - als die Metapher verstanden, die ich schaffen wollte. Nämlich den Blick in die Vergangenheit, der stets ein verzerrtes Bild des Betrachters selbst zeigt."

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