Tabu Tod

Eine lebendige Trauerkultur schaffen

Bergedorf. Vier Bücher hat sie schon geschrieben. Doch Claudia Cardinal (54), "Sterbeamme" und Heilpraktikerin aus Bergedorf, kann immer noch sehr viel - und sehr lebendig - über ein Thema erzählen, über das die meisten am liebsten schweigen würden: Tod und Trauer.

"Wir sehen uns - Neue Wege des Trauerns und Erinnerns" heißt das jüngste Werk, das jetzt im Walter-Verlag erschienen ist (14,90 Euro, ISBN 978-3-530-50645-7) und in mancher Hinsicht eine Fortführung der Vorgänger wie "Lebe und lerne sterben" oder "Trauerheilung" ist.

In ihrem neuen Buch sucht die Autorin, die beruflich Trauernde wie auch Sterbende mit Gesprächen auf ihrem Weg begleitet, nach neuen Formen des Gedenkens und Erinnerns. "Es gibt ganz wenige schöne Beispiele für lebendiges Erinnern", sagt die Autorin. "Und wenn man sagt, dass man auf einer schönen Beerdigung war, ist das fast ein Affront." Doch Claudia Cardinal zählt nicht einfach Möglichkeiten auf, wie die Angehörigen und Freunde das Gedenken an ihre Lieben bewahren können. Sie erzählt Geschichten - sehr persönliche Schicksale - und schildert, wie andere Menschen dem Tod begegnen und mit der Trauer umgehen. So traf sie eine Familie, die jeden Heiligabend ans Familiengrab fährt und dort Lichter aufstellt. Ein anderer junger Mann trägt stets in einem Tütchen, das er in seinem Geldbeutel aufbewahrt, etwas Asche seiner Oma mit sich.

Doch Claudia Cardinal sinniert auch - mit den Menschen, denen sie begegnete - über den Tod und das Danach. Ein Anliegen kristallisiert sich, wie in ihren anderen Büchern, schnell heraus: Die Autorin möchte das Tabuthema Tod aus der Nische holen. "Erst wenn es in Möbelhäusern nicht nur eine Kinderabteilung, sondern auch eine Abschiedsabteilung gibt, haben wir das Thema aus der Nische erlöst", sagt sie bewusst provokant.

So kommt ihr auch das Erscheinen ihres neuen Buches mitten in den hellen und lebensfrohen Sommermonaten, in ihrer Argumentation gerade recht. Tod und Trauer, sagt sie, werde in der Gesellschaft allenfalls im November an Totensonntag und Volkstrauertag, thematisiert. "Aber es gibt genug Menschen, für die der Mai oder Juni der schlimmste Monat eines Jahres ist", sagt sie. Denn "der Tod macht vor dem Sommer nicht Halt".

www.claudia-cardinal.de