Streit um Polnisch-Verbot

Neue Blamage fürs Bezirksamt

Bergedorf (gr). Erneute Blamage für Bergedorfes Bezirksamt im Fall Wojciech Pomorski: In der gestrigen Verhandlung vor dem Hamburger Landgericht konnte der Anwalt des Bezirks keine Erklärung zur Sache abgeben, weil er nach eigenen Angaben keine ausreichende Kenntnis über die Aktenlage hatte.

Der zuständige Sachbearbeiter beim Bergedorfer Jugendamt sei zurzeit in Urlaub, so Rechtsanwalt Oliver Wilhelm. Dabei beschäftigt das "Polnisch-Verbot" des Jugendamts gegen den 39-jährigen Deutschlehrer mit deutschem und polnischem Pass die Gerichte seit etwa fünf Jahren.

Nach der Trennung von seiner deutschen Ehefrau und nachdem sie die gemeinsamen Töchter ohne Zustimmung ihres Vaters mitgenommen und sich schließlich nach Österreich abgesetzt hatte, hatte Bergedorfs Jugendamt verfügt, dass Pomorski mit Justyna und Iwona nur in deutscher Sprache verkehren dürfe. Damit nicht genug, verhängte es phasenweise ein Besuchsverbot, weil der Vater mit seinen zweisprachig aufgewachsenen Kindern trotzdem Polnisch sprach.

Am 29. April hat das Landgericht Bergedorfs Jugendamt zur Herausgabe angeblich nicht mehr auffindbarer Akten verurteilt. Zu dieser Verhandlung war der Anwalt des Bezirksamts gar nicht erst erschienen, angeblich hatte es eine Panne bei der Übermittlung des Termins gegeben. Inzwischen konnten Pomorski und seine Anwälte einen Großteil der Akten einsehen. In der gestrigen Verhandlung ging es um Pomorskis Forderung nach Schmerzensgeld und einer Entschuldigung der Behörden für das nach seiner Auffassung rechtswidrige und menschenunwürdige Sprach-Verbot. Das Gericht setzte den Streitwert auf 15 000 Euro fest.

Zahlreiche polnische Journalisten saßen im Zuhörerraum, der polnische Fernsehsender TV Polonia interviewte den Kläger sowie seine beiden Anwälte Rudolf von Bracken aus Hamburg und Stefan Nowak aus Berlin. Der Beitrag wurde gestern Abend in den polnischen Abendnachrichten ausgestrahlt. Gleich zu Beginn der Sitzung nahm Rechtsanwalt von Bracken seinen Mandanten gegen den Vorwurf des Querulantentums in Schutz: "Mein Mandant wurde durch das Sprachverbot schwerwiegend in seinen Persönlichkeitsrechten verletzt", so der Anwalt. Noch deutlicher äußerte sich Pomorski selbst: "Nach dem Polnisch-Verbot fühlte ich mich ins Dritte Reich zurückversetzt", sagte er. Ebenso hatten die polnischen Medien auf das Sprachverbot reagiert. Das Nachrichtenmagazin "Wprost", etwa dem deutschen "Spiegel" vergleichbar, titelte mit der deutschen Zeile "Polnisch verboten". Dieses Verbotsschild kennen ältere Polen noch aus der Zeit der Nazi-Herrschaft in ihrem Lande.

Pomorskis Anwalt Stefan Nowak hat nach eigenen Worten in Berlin häufig mit Sorge- und Besuchsrechts-Streitigkeiten für Kinder aus multinationalen Ehen zu tun, "und dabei haben auch die Berliner Jugendämter nicht immer sehr geschickt reagiert. Aber so etwas wie das Bergedorfer Sprachverbot habe ich noch nie erlebt", sagte er. Bisher wartet Wojciech Pomorski vergeblich auf eine Entschuldigung des Jugendamts.

Beim Europäischen Parlament ist man da schon weiter. Der Petitionsausschuss erklärte schon vor zwei Jahren sein Bedauern über das Verhalten der Behörde und stellte ausdrücklich eine Rechtsverletzung des Jugendamts fest. Das Gericht setzte dem Bezirksamt gestern eine Frist von drei Wochen, in der Erklärungen zur Sache abgegeben werden sollen. Am 8. Januar soll dann weiterverhandelt werden.

Der ursprüngliche Anlass des Streits hat sich inzwischen erledigt. Wojciech Pomorski hat seine Töchter vor zwei Jahren zuletzt gesehen, sie verstehen kein Polnisch mehr. Für den Vater enthält der Konflikt eine bittere sprachliche Ironie: Muttersprache heißt auf Polnisch jezyk ojczysty, wörtlich übersetzt: "Vatersprache".

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